Leyk: "Ronaldo fordert seine Trainer zu Kompromissen"

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Toorschuss.de hat Chefredakteur Kevin Leyk zum Interview gebeten und mit ihm über das taktische Niveau der Hinrunde, Entwicklungen, Trainer und die Topspieler der ersten Saisonhälfte gesprochen. In Teil 2 äußerte er sich nun u.a. zu Cristiano Ronaldo, Christian Gentner und Bundestrainer Joachim Löw.

Also faszinieren Sie nicht in erster Linie die Costas, Aubameyang, Lewandowskis dieser Welt?

"[...] Den oder die Besten zu ermitteln, ist aber extrem schwer, weil man dafür verschiedene - zum Teil subjektive - Bewertungskriterien heranführen müsste. Wählen wir nun den kreativsten, spielintelligentesten, passstärksten oder effektivsten Spieler?"

Ist die Qualität von Wahlen wie die des Weltfußballers dann nicht auch anzuzweifeln?

"Ich habe nichts gegen solche Wahlen, im Gegenteil, ich finde sogar, dass sie eine nette Spielerei sind. Wichtig ist nur, sie richtig einzuordnen und einschätzen zu können, welche Spieler in der Regel die Topplatzierungen erreichen. Ich will nicht sagen, dass Cristiano Ronaldo überschätzt wird, aber gerade speziell in seinem Fall darf man nicht vergessen, dass er gegen den Ball nicht besonders gut ist und auch nicht viel zur Angriffsentwicklung beiträgt. Dafür ist er ein brutal starker Finisher, vielleicht der beste der Welt. Allein dadurch hat er bei der breiten Masse ein großes Ansehen. Dass es für einen Trainer immer leicht ist, mit dem Spielertypen Ronaldo - mit all seinen Stärken und Schwächen - zu arbeiten, glaube ich jedoch nicht. Denn um seine Fähigkeiten wirklich vollumfänglich zur Geltung zu bringen, muss man ihm beispielsweise defensivtaktisch extreme Freiheiten zugestehen. Insofern fordert Ronaldo jeden Trainer auch immer zu Kompromissen."

Gibt es in der Bundesliga ähnlich veranlagte Spielertypen?

"Als erstes schießt einem natürlich Arjen Robben durch den Kopf. Wenn man aber genauer hinsieht, fällt er allerdings auch schnell wieder aus dem Raster. Robben hat sich defensiv toll entwickelt. Dazu besitzt er zwar nicht die ganz großen spielmachenden Fähigkeiten, ist aber definitiv auch kein reiner Abschlussspieler. Sicher gibt es immer mal wieder Spieler, die zocken (sich gegen den Ball für Konter bereithalten und keine defensiven Aufgaben übernehmen, Anm. d. Red.), Leroy Sane oder auch Filip Kostic fallen mir da spontan ein. Allerdings muss man hier auch ein wenig differenzieren: In der Bundesliga gibt es keinen Spieler mit den Finisherqualitäten eines Ronaldos, sodass wohl auch niemand in der Position ist, um derart viele Freiheiten einzufordern."

Also kann man, um das Thema abzuschließen, sagen, dass Ronaldos Stärken so groß sind, das man als Trainer bereit sein muss, seine Schwächen in Kauf zu nehmen?

"Ob man dazu bereit sein muss, weiß ich nicht. Aber der Kern der Aussage stimmt. Letztlich kommt es darauf an, Ronaldos Rolle passend abzusichern und zu balancieren, dann kann eine Mannschaft auch funktionieren, ohne, dass Ronaldo sich intensiv am Pressing beteiligt. Übrigens trifft das nicht nur auf ihn zu, sondern kann generell auf extreme Spielertypen übertragen werden. Christian Gentner ist beispielsweise so ein Fall. Auch wenn ich mich gerade selbst darüber wundere, wie ich die Überleitung von Ronaldo auf Gentner geschafft habe (lacht)."

Bitte konkreter.

"Irgendwie hat man das Gefühl, dass Stuttgart nicht mit und nicht ohne Gentner kann. Er ist ein unheimlich weiträumiger Spieler, der seiner Mannschaft am liebsten auf dem ganzen Feld helfen will, immer aktiv ist und permanent nach vorne rennt. Das passt aber oft nicht in den Kontext, sodass er damit die Verbindungen oder die Absicherung gefährdet. Durch Ersteres erhöht sich wiederum die Gefahr eines Ballverlustes, sodass Zweiteres dann unter Umständen schwerwiegen kann. Die übrigen Spieler müssen viel Arbeit leisten, damit Gentner seine Wildheit ausleben kann, ohne, dass dies extreme Negativfolgen für das Offen- und Defensivspiel hat. Extreme Spielertypen sind gewissermaßen auch immer ein wenig davon abhängig, dass sie spielintelligente und mannschaftsdienliche Akteure um sich herum haben. Maxim und Rupp können Gentners Rolle zum Beispiel ganz gut balancieren. Zum Teil auch Serey Die, der größere Räume sehr gut kontrollieren kann, während Oriel Romeu, der ein herausragender Ballbesitzfußballer ist, als Gentner-Partner völlig auf verlorenem Posten stand."

Ist das nicht auch ein Beleg dafür, dass Stärken und Schwächen von Spielern nie isoliert betracht werden dürfen?

"Sie können und müssen teilweise schon isoliert betrachtet werden. Um eine Spielidee, ein System zu entwickeln, müssen sie aber am Ende in einen passenden Kontext gebracht werden. Das macht das Trainerdasein so schwierig und führt bisweilen auch dazu, dass individuell gute Spieler mal auf der Bank sitzen. Das ist dann das viel zitierte "Nicht ins System eines Trainers passen". Dies damit gleichzusetzen, dass ein Trainer die Fähigkeiten eines Spieler nicht zu schätzen weiß, wäre allerdings falsch. Vielmehr ist es so, dass für seine Idee vielleicht etwas andere Eigenschaften benötigt werden als dieser Spieler mitbringt. Und wissen Sie was...?

Bitte...

Mario Gomez war so ein Fall. Deshalb hat sich Louis van Gaal auch so fürchterlich geärgert, dass ihm nachgesagt wurde, er habe ihn falsch eingeschätzt. Das Gegenteil war der Fall: Van Gaal wusste genau, in welchen Kontexten Gomez funktionieren kann und in welchen nicht. Mit der Zeit hat er das System dann etwas angepasst, besser auf seine Stärken und Schwächen abgestimmt."

Und plötzlich hat Gomez getroffen.

"Genau. Sicherlich nicht nur, weil seine taktische Umgebung plötzlich gestimmt hat, sondern auch mentale Aspekte spielen da eine Rolle. Aber um noch einmal eine Lanze für viele Trainer zu brechen: Häufig werden sie ganz einfach aus dem Grund kritisiert, weil Fähigkeiten von Spielern ausschließlich isoliert betrachtet und im zweiten Schritt dann eben nicht in einen Kontext gesetzt werden."

Inwiefern?

"Nehmen wir die Nationalmannschaft. Löw wurde jahrelang dafür kritisiert, Stefan Kießling nicht nominiert zu haben. Der Leverkusener ist ein ausgezeichneter Wand- und Umschaltspieler. Aber sind das die Merkmale, die ein DFB-Stürmer haben muss? Bedingt. Ähnlich ist es momentan doch auf der Torhüterposition. Löw musste im Vorfeld der WM viel Kritik einstecken, weil er Roman Weidenfeller lange Zeit nicht in den Kader berufen hat. Dabei passt er einfach nicht ideal in seine Vorstellungen, was vollkommen legitim ist. Ralf Fährmann ist hierfür auch ein sehr gutes Beispiel, der - die Aussage wage ich mal - wohl nie eine Rolle im DFB-Team spielen wird. Denn auch für Nationalmannschaften gilt: Es müssen nicht zwingend die individuell besten Spieler im Kader stehen, sondern die systemtauglichsten. Das kann mit dem ersten Punkt einhergehen, muss es aber nicht zwingend."

Dann werfen wir abschließend noch einmal einen Blick in die Zukunft: Was wird die Bundesliga-Rückserie taktisch bieten und was können wir bei der Europameisterschaft im kommenden Sommer vom DFB-Team erwarten?

"Von der Rückrunde erhoffe ich mir viele spannende Herausforderungen für die Trainer, die sie zu wichtigen taktischen und personellen Entscheidungen, Kompromissen und Lösungen fordern. Die Mannschaft wird natürlich versuchen, die Vorrunde mit ökonomischem Ballbesitzfußball zu überstehen und zu dominieren. Das sollte ihr gelingen. Anschließend werden die Aufgaben vermutlich etwas kniffliger, aber der Ansatz dürfte derselbe bleiben: Deutschland wird gegen alle Gegner, vielleicht sogar gegen Spanien, das Spiel machen müssen. Vom Löw'schen Konterfußball aus dem Jahr 2010 sind wir längst weg. Eine Entwicklung, die gewissermaßen erzwungen wurde, aber von Löw sehr gut gemeistert worden ist. Ich rechne damit, dass wir mindestens in das Halbfinale einziehen werden. Zunächst aber freue ich mich auf die Bundesliga und viele interessante Spiele in der Champions League, die hoffentlich in einem Finale mit deutscher Beteilung münden."

Hier geht es zu Teil eins des Interviews: Klick.

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