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Die Favre-Ära: Von den ersten Schritten bis zur Krise

Veröffentlicht in Taktikanalysen

Für viele war Borussia Mönchengladbach in den viereinhalb Jahren unter Lucien Favre, spätestens aber mit Anbeginn der zweiten gemeinsamen Saison, der Inbegriff einer modernen und kompletten Bundesligamannschaft. Nun gab der Schweizer überraschend seinen Rücktritt bekannt. Toorschuss.de hat einen Blick auf die Favre-Ära geworfen und sich die Frage gestellt, wie es zur Krise in der laufenden Spielzeit kommen konnte.

Worauf baute das System von Lucien Favre bei der Borussia auf?

Die Grundlage von Favres System war von Tag eins an die Defensive. Er hatte die Borussia mitten im Abstiegskampf übernommen, entsprechend war es sein erstes Ziel, die Mannschaft zu stabilisieren. Er hatte dabei bis heute nie den Anspruch, den Gegner im Spiel gegen den Ball zu kontrollieren. Vielmehr hatte die Kompaktheit Priorität. Folglich hatte Favre auch kein Problem damit, wenn der Gegner Gladbach über Ballbesitz augenscheinlich dominierte. Wichtig war für den Fußball-Lehrer die Massivität in der Formation und das geduldige Warten auf den passenden Zugriffsmoment. Dabei baute er auf ein sehr einfaches, bisweilen passives 4-4-2-Mittelfeldpressing, das von einer unheimlichen Disziplin und Sauberkeit in den gruppen- und mannschaftstaktischen Prozessen getragen wurde. Das ballorientierte Verschieben in den zwei Viererketten war stets von passenden Abständen und hoher Positionstreue geprägt, sodass die Borussia im Detail meist horizontal und vertikal kompakter stand als der Großteil der Bundesligisten. Einzelne Unsauberkeiten im Positionsspiel wurden von der stabilen Umgebung und der individuellen Klasse der Mannschaft  perfekt ausbalanciert. Durch die Einfachheit der Grundstruktur war es Favre zudem immer wieder möglich, Dinge im Detail an den Spielverlauf und Gegner anzupassen. Vornehmlich war es die Breite und Tiefe der Formation sowie die Pressinghöhe, die immer mal wieder leicht variierte, ohne dass die grundlegenden Mechanismen verloren gegangen sind. 

War Gladbach nun eine Konter- oder eine Ballbesitz-Mannschaft?

Am Ende war sie wohl eine Mischung aus beidem. Favre zeichnete es schon immer aus, einer Mannschaft kein Konzept aufzuzwingen, sondern sie Schritt für Schritt zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. Dies führte zwar zu einer etwas langsameren Verbesserung als sie viele andere vermeintliche Konzept-Trainer anstrebten, aber auch zu nachhaltig gefestigten Strukturen und einer sehr vielseitigen taktischen Ausbildung. Letztlich wurde Gladbach unter Favre wohl eines der taktisch reifsten Teams der Liga. Nach der erfolgreichen Stabilisation stand erstmals die Verbesserung des Offensivkonzeptes auf dem Plan. Obwohl Favre das Hauptaugenmerk hier zunächst auf das Umschaltspiel legen sollte, trieb er das vertikale Spiel niemals derart auf die Spitze wie die heutige Trainergeneration es häufig tut. Vielmehr legte er ähnlich wie in der Defensive Wert auf eine ausgereifte Bewegungsstruktur. Ein wichtiger Bestandteil dieser war die Integration von zwei flexiblen und beweglichen Spitzen, die nicht starr im Zentrum verharrten. Angefangen bei Mike Hanke und Marco Reus waren es später Max Kruse und Raffael, die die Neuner oder Neuneinhalber-Positionen im System-Favre bekleideten. Prägend war dabei ihr vertikales Zurückfallen in tiefere Zonen, um den Flügelspielern Platz für diagonale Läufe in die Spitze zu verschaffen. Bemerkenswert war zudem, dass Favre es schaffte, fast alle Spieler technisch weiterzuentwickeln. Dies gepaart mit der sauberen Struktur führte schnell zu viel Dynamik in der Ballzirkulation und schwer zu verteidigenden One-Touch-Schnellangriffen mit wiederkehrenden Pass- und Bewegungsmustern. Vor allem im letzten Jahr machte Gladbach schließlich einen wichtigen Schritt im Ballbesitzspiel. Dieses hatte Favre niemals als unersetzlichen Teil seiner Philosophie angesehen. Für ihn war es eher ein weiteres Instrument zur Kreierung von Torchancen. Das Fundament bildete dabei wie immer das Bewegungsspiel. Favre vertraute der dynamischen und flexiblen Bildung von Dreiecken und Diamanten, um über schnelle Kurzpässe in die nächste horizontale oder vertikale Spielfeldzone vorzudringen. Oft wurde der Ball mit viel Geduld in der Tiefe laufen gelassen, ehe plötzlich das Tempo verschärft und nach vorne gespielt wurde. Auch hier hatte die Flexibilität der Neuneinhalber natürlich einen wichtigen Anteil. Während im Abwehrdrittel zirkuliert wurde, schafften sie durch ihre Bewegungen die Verbindungen und Passstrukturen in den höheren Räumen. Im Laufe der Zeit wurde die Fohlenelf so zu einem Team, das in allen Spielphasen Lösungen fand und sowohl mit Ballbesitz als auch mit offensiven Umschaltmomenten umzugehen wusste.

Gab es sonst noch taktische Besonderheiten?

Ein interessanter Ansatz war im letzten Jahr die Einbindung des spielstarken Torwarts Yann Sommer im Aufbau. Er fungierte damit oft als elfter Feldspieler und trug merklich zur Stabilisation der Tiefenzirkulation bei. Häufig fokussierte sich Sommer dabei auf druckvolle Pässe in die umliegenden Zonen. Auf weiträumige Schläge verzichtete er bzw. er setzte sie nur unter größtem Druck oder nach gezielter Vorbereitung und zur Inszenierung eines Schnellangriffs ein. In dem Fall halfen wiederum die gefestigten Strukturen, sodass Sommer beispielsweise die diagonalen Tiefenbewegungen der Flügelspieler als Signal für einen langen Ball erkannte. Letztlich war es kein Zufall, dass Sommer in der letzten Spielzeit der Torwart war, der die meisten Pässe gespielt hat. Es war Teil des Favre'schen Weiterentwicklungsprozesses im Ballbesitzspiel.

Woran ist Favre letztlich taktisch gescheitert?

Grundsätzlich ist zunächst einmal festzuhalten, dass Favre nicht gescheitert ist. Es sind erst fünf Spieltage absolviert, die Möglichkeiten, Dinge zu korrigieren, wären also in jedem Falle noch vorhanden gewesen. Am Ende spielten wohl drei Faktoren, die zur Gladbacher Krise geführt haben, eine größere Rolle. Zum einen war es das Verletzungspech. Vorrangig zu nennen ist hier der langfristige Ausfall von Martin Stranzl, der genau dann schwer wog, als die Gesamtstruktur zu bröckeln begann und die Abhängigkeit von individueller Klasse größer wurde. Der Österreicher war jahrelang eine feste Größe im zentralen Abwehrverbund. Zum anderen konnten die Abgänge der letztjährigen Schlüsselspieler Christoph Kramer und Max Kruse nicht ersetzt werden. Kramer war mit seiner Laufstärke und Spielintelligenz ein wichtiger Stabilisator und Balancegeber im Mittelfeldzentrum. Vor allem Granit Xhaka profitierte extrem von der Klasse des Weltmeisters. Kramer verstand es immer wieder,  passend auf Xhakas Bewegungen zu reagieren und ihn somit abzusichern. So stopfte er immer wieder die Lücken im Zentrum, die Xhaka durch seine Schwächen in der Positionsfindung zuvor geöffnet hatte. Für die Stabilität war er damit kaum zu ersetzen. Auch nicht von Lars Stindl. Der Ex-Hannoveraner ist zwar individuell gesehen ein toller Spieler für die Fohlen, aber schlichtweg kein Kramer-Ersatz. Er kann sich gut aus engen Situationen befreien und wertvolle Impulse in der Offensive setzen. Soll er aber Bewegungen balancieren, sich auf das Zulaufen von Räumen fokussieren, ist er nicht nur überfordert, man beraubt ihm bis zu einem gewissen Grad auch seine Stärken. Da sich zugleich Raffael in vielen Spielen gar nicht oder nur zaghaft am Pressing beteiligte, war die Instabilität im Zentrum die logische Konsequenz. Die variierende Besetzung der Doppelsechs, beispielsweise mit Jantschke und Nordtveit, sorgte zeitweise zwar für etwas mehr Kompaktheit im Sechserraum, hatte aber in Kombination mit dem defensivschwachen Raffael zur Folge, dass im Raum zwischen Sechs und Angriff kaum mehr Zugriff gefunden wurde. Außerdem waren beide kaum in der Lage, die Spieleröffnung zu verbessern. Offensiv litt Gladbach vor allem unter dem Fehlen der Kruse'schen Bewegungsflexibilität und Kreativität. Da das variable Anbieten der Neuner aber die Grundlage für das Borussen-Offensivspiel darstellte und Stindl und Xhaka zugleich auch im Aufbau nicht harmonierten, schaffte es  die Favre-Elf kaum mehr, sich ins Angriffsdrittel zu kombinieren. Gegen Köln hatten die Fohlen dann versucht, durch einen Wechsel vom bewährten 4-4-2 zu einem 4-2-3-1 eine bessere Raumbesetzung und mehr formative Dreiecke zu schaffen. Ziel war es wohl, ohne die Bewegungsstärke von Kruse in bessere Passstaffelungen zu kommen. Letztlich aber war die Offensivbewegung nicht schnell und variabel genug, um gegen kompakte Kölner zu Durchbrüchen über das Zentrum zu kommen. Da Favre mindestens bis zum Winter definitiv mit dem aktuellen Kader hätte weiterarbeiten müssen, der auf einzelnen Positionen schlichtweg nicht passend zusammengestellt wirkt, scheint er die Überzeugung verloren zu haben, die Mannschaft kurzfristig wieder auf die richtige Spur bringen zu können. Um Stindl und Drmic passend zu integrieren sowie das Fehlen von Kramer und Kruse zu kompensieren, hätte sich taktisch einiges verändern müssen. Dies hätte jedoch wiederum wohl viel Zeit in Anspruch genommen, die sich Favre allem Anschein nach nicht geben wollte. Denn auch dann wäre maximal eine Stabilisation möglich gewesen, nicht aber wie in den Vorjahren eine Weiterentwicklung des Systems.

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