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Darum kann Bayern die beste Mannschaft Europas werden [2]

Veröffentlicht in Taktikanalysen

anaMia san Mia. Und das sogar noch mehr als letzte Saison. Der FC Bayern ist mal wieder auf dem besten Weg zur Meisterschaft. Toorschuss.de erklärt, wieso die Münchener in diesem Jahr stärker sind als im vergangenem und alle Chancen haben, die beste Mannschaft Europas zu werden. Nicht nur wegen des Dortmund-Spiels. Teil zwei. Hier geht's zu Teil eins: Klick.

 

Wechselspiel aus Kurzpässen und Weiträumigkeit

boatengEin großes Plus, das der Rekordmeister bei all der Ballbesitz-Monotie in der Bundesliga hat, ist seine unheimliche Vielfalt an Aufbaulösungen. Das Personal erlaubt innerhalb eines Spiels nicht nur Veränderungen in der Raumbesetzung, sondern auch passschematische Wechsel. Der Rhythmus in der Ballzirkulation kann jederzeit umgestellt und an Spielverlauf und Gegner angepasst werden. Hierfür war das Spiel gegen den BVB der perfekte Beweis.

Boateng, Alonso und Alaba sind sensationell gut im Diagonalpassspiel, sorgen bei Bedarf für eine gewisse Weiträumigkeit. Das macht die Münchener auch dann brandgefährlich, wenn ihre typischen 'Klein-Klein-Pässe' - beispielsweise wegen des Pressingverhalten des Gegners - ineffekt sind. Oft sind kleinräumige Kombinationen im bayerischen System gar die Vorarbeit für einen folgenden Flankenwechsel. Das Grundschema: Durch schnelle Kurzpässe in engen Räumen soll der Gegner angelockt, zum Verschieben gezwungen werden, um dann auf die ballferne, offene Flanke verlagern und Raumgewinn erzielen zu können.

Es ist eine große Qualität, dass der FC Bayern in puncto Passdistanz und -tempo kaum eingeschränkt ist, die noch höher einzuschätzen ist, wenn man bedenkt, wie spezifisch Guardiola innerhalb eines Spiels auf die (defensive) Raumaufteilung des Gegners zu reagieren weiß. Die Umsetzung des Planes liegt dann an den Spielern. Und wenn gar nichts mehr geht, befeuert Boateng die gegnerische Formation eben mit perfekt getimten 'Laserpässen'.

(Fast) aus dem Nichts ein Kontermonster

Nicht nur im Spielaufbau ist der FC Bayern extrem flexibel aufgestellt. Prinzipiell zieht sich das durch die gesamte Spielanlage. In der letzten Saison verharrte die Mannschaft zeitweise in einem trägen Spielrhythmus, vorrangig, wenn Robben und Ribery nicht zur Verfügung standen. Dies führte dazu, dass die Breite weniger genutzt wurde und ein gewisses Maß an Tempo in der Offensive fehlte.

Mittlerweile hat der Bundesliga-Tabellenführer mit Costa und Coman dieses nicht nur wieder, sondern nutzt es auch sehr gezielt für Konterattacken. In der vergangenen Spielzeit hatte Guardiola nach dem Champions-League-Aus gegen Barcelona moniert, dass seiner Mannschaft keine andere Möglichkeit geblieben sei, als das Spiel zu kontrollieren. Schließlich standen ihr schlichtweg keine Konterspieler zur Verfügung. Nun hat Bayern eine unheimlich gute Achse, um ein passables Umschaltspiel aufzuziehen. Boateng, der mit einem Pass riesige Räume überbrücken kann, Thiago, der die spielerischen Fähigkeiten mitbringt, um die Schnelligkeit der Flügelspieler einzusetzen und Lewandowski, welcher hohe wie tiefe Zuspiele kontrollieren und ablegen kann, sind nur einige wenige Spieler, die dafür prädestiniert sind. Im Falle einer Führung muss der FC Bayern das Spiel also nicht zwingend weiter kontrollieren und Ballbesitz zur Verteidigung gegnerischer Angriffe nutzen, sondern kann sich vermehrt auf sein Pressingsystem konzentrieren und nach Balleroberung blitzartig umschalten. Insbesondere in der Champions League könnte die im Vergleich zum letzten Jahr weitaus variablere Ausrichtung und die vielseitigere Nutzung von Ballbesitz ein entscheidender Faktor werden. Bayern ist ein Kontermonster geworden, das in bestimmten Situationen deutlich linearer, raumgreifender und tororientierter spielt als unter Guardiola bisher gewohnt.

Eine bayerische Pressing- und Gegenpressing-Bestie

Ein nicht zu unterschätzender Punkt: Guardiolas Respekt vor gegnerischen Kontern ist nach wie vor groß. Grundsätzlich ist die Gefahr, in einen Konter zu laufen, - oberflächlich betrachtet - logischerweise geringer, wenn man häufiger bereit ist, den Ballbesitz abzugeben. In den meisten Partien sieht sich der Rekordmeister aber doch mit 60, 70 oder sogar 80 % Ballbesitzanteilen konfrontiert. Entsprechend wichtig ist es, nach Ballverlust auf ein kompaktes Gegenpressingsystem (das wiederum auch die Basis darstelt, um gegenzukontern), zurückgreifen zu können. Das kann der FC Bayern auch dank Guardiolas ganzheitlichen Spielansatzes. Anders als viele Coaches dieser Welt denkt der Katalane nicht sturr in Spielphasen. Vielmehr versucht er sein Team schon während des eigenen Ballbesitzes auf den Fall eines Ballverlustes vorzubereiten. Das tut er vornehmlich durch das Erarbeiten passender Offensiv-Staffelungen, die nach gegnerischer Balleroberung einen sofortigen Gegendruck in Ballnähe - im Idealfall in Überzahl - ermöglichen sollen.

Laut einer Auswertung von '11tegen11' lag die durchschnittliche Gegenpressinghöhe der Guardiola-Elf 2013/2014 noch bei 46,7 Metern. Der rein subjektive Eindruck gepaart mit der durchschnittlichen bayerischen Ballbesitzhöhe sowie der allgemeinen Balleroberungen spricht dafür, dass der Wert in diesem Jahr noch einmal wesentlich angestiegen ist. Ein weiteres Indiz dafür ist die bei Spielverlagerung.de von Toorschuss-Autor Rene Maric aufgestellte Statistik zur Pressingintensität.

Die Grundannahme: "Eine Mannschaft, die viel Ballbesitz bei geringer Passgenauigkeit aufweist, dürfte [...] wohl eine hohe Pressingintensität aufweisen und wiederum den Gegner schnell zur Aufgabe des Balles bringen. Eine Mannschaft wiederum, die wenig Ballbesitz bei einer hohen Passgenauigkeit aufweist, dürfte deutlich weniger intensiv im Pressing sein. [...] Ich habe hochpressende Mannschaften weiter vorne in meiner Analyse erwartet. Ich ging davon aus, dass Bayer und Bayern diese Saison [14/15] am besten abschneiden würden. Beide sind pure Intensität in der Arbeit gegen den Ball. Roger Schmidt ist bekannt für seinen Fokus auf diesen Stil – Pressingintensität könnte gar das Schlagwort für seine Teams sein –, während die Bayern das Spiel meistens kontrollieren und in den kleinen Phasen ohne Ball den Gegner extrem attackieren.

In meiner Datenbank von 468 Mannschaften von Anfang 2009/10 bis Ende März dieser Saison fand ich 46 Mannschaften mit einer 'Pressingintensität' (= Ballbesitz / Passgenauigkeit) von über 0.7. Nur sechs Mannschaften lagen bei oder über 0.75. Die Trainer dieser sechs Mannschaften? Guardiola (Bayern 2014/15, Bayern 2013/14, Barcelona 2010/11), Schmidt (Bayer 2014/15), Rafael Benitez (Liverpool 2009/10) und Luis Enrique (Barcelona 2014/15). Nur Barcelona unter Luis Enrique und Bayern unter Guardiola in dieser Saison lagen aber klar über 0.75. Barcelona erreichte 0.79, die Bayern 0.81 (zumindest bis Ende März)."

Auch hier sprechen die genannten Apekte (Höhe und Anzahl der Balleroberungen, Ballbesitz in Relation zur Anzahl der Pässe) dafür, dass die Bayern in den bisherigen Saisonspielen wieder eine extrem hohe Pressingintensität aufweisen können.

Maric: "Nachdem sich zeigte, dass schwächere Mannschaften weniger intensiv agieren, [..] ist natürlich auch interessant, wie sich dies bei stärkeren Mannschaften verhält. Deswegen habe ich die besseren Mannschaften einer kleinen Analyse unterzogen. Die Pressingintensität ließ ich mit den Punkten pro Spiel, der Tordifferenz pro Spiel, dem Torverhältnis (Anzahl der eigenen Tore / Gesamtzahl der Tore) und der Total Shots Ratio korrelieren.

Korrelation mit Punkte pro Spiel: 0.511
Korrelation mit Tordifferenz pro Spiel: 0.516
Korrelation mit GoalRatio: 0.519
Korrelation mit Total Shots Ratio: 0.608

Das sagt natürlich wieder nichts über die Kausalität aus. Vielleicht spielen bessere Mannschaften schlichtweg gegen schwächere Mannschaften, die mehr Fehlpässe im Passspiel aus technischen Gründen machen oder die sich mehr auf Konter fokussieren, wo sie Bälle schneller verlieren. Dennoch ist die Korrelation ziemlich hoch und signifikant."

Hier geht es zum gesamten Artikel von Rene Maric zur Pressingintensität: Klick.

Letztlich ist es nicht entscheidend aussagekräftig, aber doch ein kleiner Hinweis darauf, dass Bayerns Pressingintensität ein entscheidender Faktor für den Erfolg ist. Was dafür spricht, dass diese zukünftig aufgewertet werden kann, ist, dass man mit Arturo Vidal nun einen weiteren Spieler im Kader hat, der nachweislich eine hohe Intensität im Spiel hat (durchschnittliche Anzahl geführter Zweikämpfe, Balleroberungen, Foulspiele etc.) und von Guardiola bisher primär in höheren Räumen eingebunden wurde.

Das könnte dazu führen, dass der Gegner zukünftig noch früher und extremer in seiner Hälfte festgehalten wird, die Anzahl an flachen Pässen sich gezwungenermaßen reduziert und sich die Anzahl an langen Bällen erhöht. An dieser Stelle sei ein Verweis auf das Bayern-Spiel gegen Zagreb erlaubt. Die Kroaten spielten 60 lange Bälle und 184 kurze Pässe. Die Statistik erfasste zwar auch 57 lange Bälle der Münchener (Stichwort 'Wechselspiel aus Klein- und Weiträumigkeit'), zugleich aber auch 712 kurze Pässe. Der prozentuale Anteil an langen Bällen ist im Vergleich zu Zagreb folglich ungleich niedriger. Der Grund dürfte u.a. in der bayerischen Pressingintensität zu finden sein. 

Da wäre ja noch der beste In-Game-Coach der Welt...

pep1Was das Spiel der Bayern noch einmal aufwertet: Die taktische Qualität und Vielseitigkeit ist immer wieder in einen Kontext mit Guardiolas In-Game-Geschick zu setzen, das erst dafür sorgt, dass die vielförmigen Anlagen und Konzepte auch tatsächlich auf dem Rasen umgesetzt werden. Im Coaching ist Guardiola aktuell wohl jedem anderen Trainer der Welt überlegen. Er hat nicht nur einen phänomenalen analytischen Blick für die eigene Mannschaft, sondern bringt seine Beobachtungen immer wieder in einen passenden Bezug zum gegnerischen Verhalten und dem Spielverlauf. Eine Stärke, die absolut bewundernswert ist, wenn man berücksichtigt, welch Komplexität diese Aufgabe hat: Entweder er muss taktisch Gründe erforschen, wieso der eigene Matchplan nicht wie gewünscht aufgeht und diesen unter Berücksichtigung der gegnerischen Ausrichtung anpassen. Oder aber er muss gegnerische Stärken eindämmen oder versuchen Schwächen zum Vorschein bringen. Es genügt dementsprechend nicht nur, das Verhalten der eigenen Mannschaft zu beobachten. Wenn eine Schwachstelle beim Gegner ausgemacht ist, gilt es wiederum zu beantworten, mit welchen eigenen Mitteln diese attackiert werden können. Welche Räume müssen dafür in welcher Situation besetzt werden? Wie müssen die Passschemen aussehen? Und welche Spieler werden dafür in welchen Spielfeldzonen benötigt? Müssen eventuell Auswechslungen getätigt werden?

Nicht nur einmal in dieser Spielzeit hat der Ex-Barca-Coach seine Mannen auf diese Weise nach schwachem Beginn auf die Siegerstraße gebracht. Beim 5:1 gegen Wolfsburg ebnete er der Lewandowski-Show beispielsweise durch eine Änderung der Passstruktur erst die Türen. Weil Wolfsburg zwischen den Linien anfällig war, beauftragte er Boateng & Co. (hier kam wiederum Guardiolas Qualität in der Einbindung der Spieler-Stärken zur Geltung) genau diesen Raum geradlinig und aus der ersten Linie heraus anzuspielen und passte in dem Zusammenhang die Bewegungsmuster von Müller an, der im richtigen Moment in den Raum sprintete und die Pässe entgegennahm.

Allein wegen der Masse an Detailanpassungen, die Guardiola in jedem Spiel vornimmt, ist es für einen jeden Gegner unter dem hohen zeitlichen und atmosphärischen Druck extrem schwer, sinnvoll auf die Maßnahmen des kreativen Katalanen zu reagieren. Warum aber soll er hier besser sein als noch im letzten Jahr? Auch hier muss wieder ein Gesamtkontext hergestellt werden. Die sinnvollen Transfers und die um wichtige Aspekte erweiterte Spielanlage gibt ihm schlichtweg noch mehr Entscheidungs-Möglichkeiten.

Was also könnte die Bayern noch daran hindern, Europas Thron zu erklimmen?

Durch die punktuelle Verbesserung des Kaders im Sommer konnte die Mannschaft taktisch flexibler und schlichtweg auch noch einmal besser gemacht werden. Das führt in letzter Instanz dazu, dass der FC Bayern als Gesamtpaket aus individueller Klasse, Taktik und Coachingoptionen stärker einzuschätzen ist als in der vergangenen Saison. Trotzdem gilt es zu berücksichtigen, dass die Spitze Europas qualitativ so eng beieinandersteht, dass letztlich Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage entscheiden werden. Hinzu kommt, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussage über die Leistungsfähigkeit der Mannschaft in der Saisonendphase getroffen werden kann. Diese hängt vorrangig von der körperlichen und mentalen Verfassung sowie dem Verletzungspech ab. Wer steht zur Verfügung? Zwar kann der Rekordmeister Ausfälle besser kompensieren als noch letzte Saison, allerdings darf nicht vergessen werden, dass Guardiola trotzdem immer bestimmte Fähigkeiten zur Verfügung haben muss, um sein eigenes Coaching-Potenzial voll ausschöpfen zu können. Zudem darf der Faktor Spielglück nicht außer Acht gelassen werden, obwohl er objektiv kaum messbar ist.

Der Grundstein für die Bayern, um in diesem Jahr die beste Mannschaft Europas zu werden, ist also gelegt. Eine Garantie, dass dieses Ziel letztlich auch erreicht wird, ist das aber selbstverständlich noch lange nicht.

Bildquelle Boateng
Bildquelle Guardiola 
 
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