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VfL Wolfsburg: Auf dem Weg zu mehr Kontrolle

Veröffentlicht in Taktikanalysen

Ein Saisonstart nach Maß sieht anders aus. Der VfL Wolfsburg rangiert nach acht Spieltagen auf Tabellenplatz neun, hat erst 12 Punkte auf dem Konto. Trotzdem gibt es bei den Wölfen einige interessante Entwicklungen. Toorschuss.de hat einen Blick auf die Taktik des Vizemeisters geworfen.

 

 

Mehr Formations- und Pressingflexiblität

Schon in der Vorbereitung hatte Dieter Hecking unterschiedliche Formationen und Interpretationen dieser getestet. In der Liga spielten die Wölfe bisher viermal das altbekannte 4-2-3-1, dreimal das neu einstudierte 4-1-4-1 und einmal ein 4-2-2-2.

Interessant ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch, dass Hecking das Spielermaterial variabel nach den Bedürfnissen des Systems und dem jeweiligen Gegner anpasste. Vorrangig projeziert auf das Pressingverhalten. Auch hier zeigte sich der VfL recht flexibel. Zum bewährten passiven 4-4-2-Mittelfeldpressing kam die Variante des aktiven 4-3-3-Angriffspressings. In diesem setzte Hecking zuletzt Andre Schürrle ein, weil dieser im Vergleich zu Bas Dost schlichtweg der aggressivere Pressingspieler ist. Marcel Schäfer startete zugleich als nomineller linker Flügelstürmer, da dieser Bewegungen balancieren und situativ ins Mittelfeld zurückfallen konnte. Ein Hinweis darauf, dass Hecking fortan spezifischer auf aktuelle Gegebenheiten reagieren möchte.

Außerdem auffällig: Die beiden Neuzugänge Julian Draxler und Max Kruse spielten bisher nicht nur unterschiedliche Positionen, sondern interpretierten diese von Spiel zu Spiel auch leicht anders. Inwiefern dies bewusst der Fall war oder noch mit der Suche nach ihrer Idealrolle zusammenhängt, ist offen.

Simpler Flügelfokus und fader Aufbau

Während die Formations- und Pressingflexibilität erhöht werden konnte, ist dieser Sprung in puncto Ballbesitz noch nicht gelungen.
Gerade aus dem Aufbau heraus wird oft weiter zu starr im 'U' gespielt. Heißt: Über den Außenverteidiger wird der Ball auf die Innenverteidiger und von dort auf auf den fernen Außenverteidiger gepasst. Im Allgemeinen wird im Tempo oder Passryhthmus nur sehr selten variiert. In den meisten Fällen ist ein Diagonalball auf die Flügel oder ein long-line-Durchbruch der Außenverteidiger das Ziel. Das Passen im 'U' verfolgt in erster Linie den Zweck, den Gegner zum Verschieben auf die ballnahe Seite zu zwingen, damit die ballferne Seite anschließend attackiert werden kann.

In diesem Zusammenhang macht die Verpflichtung von Aufbauspieler Dante auch durchaus Sinn. Der Brasilianer spielt unheimlich gute Flugbälle, kann das Spiel entsprechend schnell und weiträumig auf die Flügel verlagern. Eine Qualität, die im Wölfe-Aufbau absolut gefordert ist. Allerdings hat sich während der ersten Saisonspiele auch gezeigt, dass das Aufbauspiel im Gesamten doch zu eindimensional ist. Die Sechser versuchen oft im Halbraum Verbindungen in etwas höhere Zonen zu schaffen, spielen in den meisten Fällen aber auch nur simple Kurzpässe in die naheliegenden Defensivzonen. Zudem ist ihre Positionsfindung und Bewegungsdynamik nicht sonderlich hoch, sodass sie vergleichsweise einfach isoliert werden können.

Seine besten Aufbaumomente hatte der VfL Wolfsburg, wenn Max Kruse sich in die Schnittstellen des Sechserraum fallen ließ, dort angespielt wurde und aufdrehen konnte. Die Kreativität, Passqualität, Technik und Spielintelligenz des Ex-Gladbachers verhalf den Niedersachsen dann zu einigen guten Durchbrüchen durch das Zentrum, ehe im Angriffsdrittel meist auf die Flügel verlagert wurde.

Individuelle Klasse als Schlüssel und Leid

Die Offensivschemen des VfL sind klar und starr. Im Idealfall soll der in der Positionsfindung und im direkten Abschluss unheimlich starke Bas Dost durch (halb-)hohe Hereingaben im Sechzehnerraum gesucht werden. Durch die hohe individuelle Klasse der Offensive schaffte es die Mannschaft zumindest zeitweise, im dritten Drittel auch mal ins Zentrum zu stoßen und den Angriff von dort aus fortzusetzen. Vor allem gegen die Hertha hatte Wolfsburg dann gute Angriffsmomente, wenn es gelang, den Angriff nicht mit einem simplen Flankenball zu beenden, sondern die Wege in die Mitte zu finden und dort dann die Kreativität von Draxler & Co. auszuspielen.

Insgesamt lebt die Hecking-Elf abseits des Flügelfokus stark von improvisierten Bewegungen und intuitiven Ideen. Deshalb ist die Mannschaft aktuell sehr von den kreativen Rodriguez, Draxler, Kruse, Caligiuri - und eigentlich auch Vierinha - abhängig.

Der Vierinha-Faktor

Der Portugiese fehlt den Wölfen zurzeit extrem. Vierinha hatte als rechter Verteidiger immer wieder wichtige Offensivmomente, leitete gruppentaktische Aktionen ein oder brach mit Hilfe seiner Dribbelstärke individuell durch. Jung und Träsch können ihn als Spielertypen nicht ersetzen, sind im Eins-gegen-eins sowie allgemein in engen Situationen nicht so stark. Da Wolfsburg sich aktuell stark über seine Flügelaktionen definiert, macht sich die geschwächte Qualität auf dem rechten Flügel extrem bemerkbar.

Und de Bruyne...?

In diesem Zusammenhang ist auch die Personalie Kevin de Bruyne zu sehen. Dass der Belgier individuell nicht ersetzen ist, war abzusehen. Allerdings war er nicht nur mit seinen Einzelaktionen ein wichtiger Faktor, sondern auch in Bezug auf die Gruppentaktik und die Flügelangriffe. Der Belgier zog vom Zentrum immer wieder auf die linke Seite, überlud den Raum und sorgte damit für vereinfachte Durchbrüche über die Seite. Die unterstützenden Bewegungen des Nationalspielers fehlen im jetzigen Wölfe-System. Kruses und Draxlers Bewegungen sind dahingehend noch nicht so konstant und planvoll wie die de Bruynes.
Insofern wäre ein veränderter Offensivfokus, beispielsweise eine stärkere Nutzung der zentralen oder der Halbräume eigentlich der logische Schritt gewesen.

Kontermannschaft, die nicht kontern darf?

So ganz ist noch nicht klar, wo der VfL Wolfsburg mittelfristig hinmöchte. Was aber klar festzuhalten ist und auch die Ballbesitztabelle belegt: Die Mannschaft hatte in jedem Spiel - ausgenommen der Partie in München - mehr Ballbesitzanteile als der Gegner. Selbst beim FC Bayern kamen die Wölfe kurzzeitig auf ausgeglichene Ballbesitzverhältnisse. Insofern könnte man den VfL durchaus als Ballbesitzmannschaft bezeichnen. Allerdings gilt es hier zwischen gewolltem und aufgezwungenem Ballbesitz zu differenzieren. Gegen den Rekordmeister wurden viele Konteraktionen überraschenderweise sogar bewusst abgebrochen, um neu aufbauen zu können.
Gegen Gladbach hatte man hingegen wohl darauf spekuliert, vermehrt ins Umschaltspiel zu kommen, was auch den Einsatz von Andre Schürrle sinnvoll erscheinen ließ.

Klar ist zum jetzigen Zeitpunkt: Mit der veränderten Wahrnehmung des VfL Wolfsburg hat sich auch das Auftreten vieler Teams gegen den Vizemeister verändert. Im letzten Jahr hatten die Wölfe durchschnittlich 52,7 % Ballbesitz - zuhause lag der Wert im Schnitt bei 54,5 %, auswärts bei 50,9 %. In dieser Spielzeit sieht sich die Mannschaft durchschnittlich mit 53,4 % Ballbesitz konfrontiert, also eigentlich im Vergleich zur letzten Saison nur eine minimale Steigerung. Allerdings: Zuhause hatte der VfL 57,5 % Ballbesitz, was zumindest ein kleines Indiz dafür ist, dass die Gegner nun tatsächlich anders gegen Wolfsburg spielen als in der letzten Saison. Sicherlich müssten hier, um tatsächlich eine Aussagekraft herstellen zu können, noch andere Aspekte herangezogen und auch der Spielplan abgeglichen werden, trotzdem lässt sich wohl festhalten: Die Wölfe werden früher oder später den Schritt zu mehr Spielkontrolle gehen und kreativer und vielseitiger im Umgang mit Ballbesitz werden müssen.
Dass sie sich in eine reaktive Grundhaltung begeben und auf Konter lauern können, wird national kaum mehr der Fall sein. Das aktivere und höhere Pressingsystem könnte hier ein erster, guter Ansatz gewesen sein.

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